Straff organisiertes Fahrtenlager, Uniformen, militärisch kurzes Haar – das ist eine typische und in Teilen durchaus zutreffende Vorstellung rechter Jugendlicher in der Bonner Republik. Andere Nachwuchsnationalist*innen waren allerdings von den kulturellen Umwälzungen der 1960er-Jahre sichtlich nicht unberührt geblieben. Die Jugend der NPD war um 1970 bemüht um ein kreatives Selbst, um ‘Authentizität’ und Selbstverwirklichung auf Flohmärkten und Sperrmüllhalden, auf dem Tanzparkett ihrer „Disco National“ und begab sich sogar auf den Hippie-Trail nach Goa. Wie die „Jungen Nationaldemokraten“ ihr Verlangen nach individuellem Selbstausdruck artikulierten und Widersprüche zu ihren politischen Glaubenssätzen aushandelten, und welche Auswirkungen das auf ihre politischen Praktiken hatte, untersucht einer der Beiträge im neu erschienenen Sammelband zu den Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner Republik.
Der Band lenkt den oft starr und politikgeschichtlich auf die Ebene der Organisationen gerichteten Blick auf die nationalistischen Milieus und Netzwerke und spürt mitunter alltagsgeschichtlich den Veränderungen einer radikalen Rechten nach, die sich einer gewandelten Gesellschaft anpasste. Auf diese Weise tragen die Aufsätze dazu bei, die Geschichte der nationalistischen Rechten aus der historiographischen Nische zu holen und innerhalb einer Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik zu kontextualisieren.
Frank Bösch / Gideon Botsch (Hrsg.): Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner Republik. Göttingen: Wallstein Verlag 2026, Hardcover. ISBN 978-3-8353-6043-3, 304 Seiten, EUR 32/Open Access.
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Laura Haßler (June 11, 2026). Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner Republik (Neuerscheinung). PopHistory. Retrieved July 12, 2026 from https://doi.org/10.58079/16dm3