Straff organisiertes Fahrtenlager, Uniformen, militärisch kurzes Haar – das ist eine typische und in Teilen durchaus zutreffende Vorstellung rechter Jugendlicher in der Bonner Republik. Andere Nachwuchsnationalist*innen waren allerdings von den kulturellen Umwälzungen der 1960er-Jahre sichtlich nicht unberührt geblieben. Die Jugend der NPD war um 1970 bemüht um ein kreatives Selbst, um ‘Authentizität’ und Selbstverwirklichung auf Flohmärkten und Sperrmüllhalden, auf dem Tanzparkett ihrer „Disco National“ und begab sich sogar auf den Hippie-Trail nach Goa. Wie die „Jungen Nationaldemokraten“ ihr Verlangen nach individuellem Selbstausdruck artikulierten und Widersprüche zu ihren politischen Glaubenssätzen aushandelten, und welche Auswirkungen das auf ihre politischen Praktiken hatte, untersucht einer der Beiträge im neu erschienenen Sammelband zu den Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner Republik.
Tanz den Sozialismus! Wissenschaft im Theater: Eine Soirée (Video & Bericht)

Probesitzen in der Geschichte: Christopher Klauke, Christina Dörfling und Bodo Mrozek im Bühnenbild der ‚Lauchhammer Files‘. Foto: chapanphotography | Berlin 2026.
Im Berliner Theater TD wurde getanzt, diskutiert und geforscht – alles an einem Abend. Eine ungewöhnliche Soirée über ‘artistic research’ hat gezeigt, wie eng Musik und Politik im Kalten Krieg miteinander verbunden waren. Der fand nicht nur auf den Schlachtfeldern von Geopolitik und Militärstrategie statt, sondern prägte Geschlechterrollen und brachte eigene Körperpraktiken hervor. Continue reading
Das Trivialepos der DDR. Mosaik und seine Quellen (Neuerscheinung, Buchvorstellung: Potsdam, 28.5.26)
Das MOSAIK war weit mehr als ein Comic. Für Millionen Leserinnen und Leser der DDR wurde es zur inoffiziellen Geschichtserzählung. Als aquarienbuntes Trivialepos prägte das Heft ganze Generationen. Doch welche Ideen, Vorbilder und verborgenen Bezüge steckten hinter den zeitreisenden Abenteuern? In 60 pointiert erzählten Kapiteln entdeckt Thomas Kramer ein überraschend weites Netz von historischen, literarischen und künstlerischen Quellen, die die Schöpfer selbst nie offenlegten.
Populärkultur transnational – Europa in den langen 1960er Jahren (Abschlusstagung, Luxembourg 15.-17. April 26)
Ein
e Geschichte der Populärkultur hat lange einen schweren akademischen Stand gehabt. Auch wenn sich dies seit den 1990er Jahren in vielen europäischen Ländern langsam zu verändern begann, blieben doch die gesellschaftlichen und politischen Bedeutungsgehalte populärkultureller Phänomene, Produkte und Praktiken oftmals weiterhin verkannt, gerade unter transnationalen Gesichtspunkten. Vor diesem Hintergrund haben sich 2014 Historiker:innen der Universität des Saarlandes und der Universität Luxemburg zusammengetan, das Problem diskutiert, Tagungen veranstaltet und Bücher publiziert. Continue reading
Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren (Neuerscheinung, Buchvorstellung: Leipzig, 21.3.26)
Woher kommt die rechte Gewalt im Osten? Seit den 1990er-Jahren heißt es immer wieder: Das ist eine Folge verinnerlichter autoritärer DDR-Strukturen. Stefan Wellgraf hingegen rückt aufmüpfige DDR-Jugendliche in den Mittelpunkt, die wegen ihrer antiautoritären Neigungen in Konflikt mit dem Staat gerieten und sich aus Protest rechten Subkulturen zuwandten. Auf Basis mehrjähriger Feldforschungen und Archivrecherchen untersucht er, wie Ressentiments gegen staatliche Eliten in Ostdeutschland entstanden sind und sich nach der Wende verfestigten. Anhand der Biografien ehemaliger Skinheads und Hooligans erzählt er, wie der Boden für den Rechtspopulismus bereitet wurde. Continue reading
Tanz den Sozialismus – Musikpolitik im Kalten Krieg. Eine Soirée (Berlin, 21.3.26)
Die Erste Tanzmusikkonferenz der DDR diente 1959 im Kulturhaus Lauchhammer kulturpoltisch der Standortbestimmung der SED im „Kampf gegen die Unkultur der amerikanischen Kriegstreiber“ und sollte eine neue sozialistische Gegenmusik entwickeln, um dem Rock’n‘Roll Paroli zu bieten. Ihr einziges, heute noch bekanntes Ergebnis ist der Leipziger Lipsi, ein Tanz für junge Leute im ‚sozialistischen‘ 6/4 Takt. Dass sein „harmonisches Bewegungsbild mit dem Lösen und Wiederfinden der Partner“ zugleich einen Grundsatz des sozialistischen Gesellschaftsmodells versinnbildlichte, blieb den meisten verborgen.
Searching for Gainsbourg – Insights from an Outsider’s Perspective (Research Project)
As a German with a French first name, I had dedicated my PhD thesis to the intercultural mix of the French band Mano Negra. Consequently, I always got excited, when I could share my outsider’s perspective on popular music in France with French colleagues. Yet, when I was asked to hand in an application for the IReMus conference on Serge Gainsbourg in 2018, I was challenged, as Gainsbourg did not stand at the centre of my research.
Rock im Osten (Neuerscheinung und Buchpremiere: Berlin, 17.9.2025)
Die Rockmusikszene der DDR stand mit dem Ende des Staats vor dem Kollaps. Das Publikum blieb weg, die staatlichen Subventionen entfielen und zahlreiche Bands lösten sich auf. Überraschenderweise verkauften sich die Aufnahmen aus der DDR nach wenigen Jahren erneut und auch die Veranstaltungssäle füllten sich wieder, als Rockbands mit DDR-Vergangenheit auftraten. “Rock im Osten” spürt diesem Niedergang und der darauffolgenden Renaissance des DDR-Rocks nach. Continue reading
Mark Reeder: The Man who Punked the Iron Curtain

Figure 1. Mark Reeder in front of the Brandenburg Gate in Divided Berlin (1980s). Source: B Book: Lust and Sound in West Berlin 1979-1989, 2017, Archiv der Jugendkulturen. Photo used with permission from Mark Reeder.
The punk connection between East and West Germany was largely due to the actions of one man: Mark Reeder. Born in Manchester in 1958, the musical scene of this English industrial hub captivated Reeder. In 1979, Reeder left Britain for West Berlin to chase the sound emanating from this divided city.[1] Once in West Berlin, he became entranced by the rawness of the former capital, prompting a desire to learn more about its people and the music they played on this walled-off island. His journey led him to enter the Berlin music scene and become not only a part of it, but a leading figure of sound and culture. He worked with prominent bands and artists like Die Toten Hosen, Nena, and Joy Division/New Order among others. During the 1980s, Reeder enabled East Germans to experience western punk rock music. Upon the fall of the Berlin Wall and the reunification of Germany in 1990, he helped support the genre of techno by pioneering trance techno music and playing gigs in abandoned factories in former East Berlin (Figure 1). Continue reading
Pop History of Deindustrialisation: Narratives, Economies, Identities. “The West” in Global Perspective (1970s-today) — Conference Report
As the visiting scholars gathered under the gothic arches of Trinity Hall, whose timeless walls appeared seemingly unchanged since their medieval foundations, perhaps the topic at hand felt rather anachronistic: the Pop History of Deindustrialisation. It was in Cambridge where a joint conference of the Cambridge DAAD Research Hub for German Studies and the Confronting Decline (CONDE) Project at the Leibniz Institute for Contemporary History (Munich-Berlin) commenced on 14 November, 2024. Across three panels, nine presentations, a keynote lecture, and a performative talk, the conference explored various angles of rethinking deindustrialisation’s traditional narratives of decline and loss—instead uncovering moments of creation amidst destruction, cultural rebirth amidst socioeconomic decline, and the production of new spaces for artistic creativity among the ruins of postindustrial wastelands. Continue reading
Entretien sur « Histoire de la pop. Quand la culture jeune dépasse les frontièrs » (video)

Interview de Bodo Mrozek, dans le cadre de la sortie de son ouvrage Histoire de la pop. Quand la culture jeune dépasse les frontières (années 1950-1960), publié le 25 janvier aux Éditions de la MSH. Plus d’informations sur l’ouvrage en cliquant ici.
Conference: Pop History of Deindustrialization: Narratives, Economies, Identities. “The West” in Global Perspective (Cambridge, 14-16 November 24)

Dimoni Industrial/Industrial Devil. (Idranx from Badalona, SPAIN, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons).
Since the 1970s, deindustrialization – or the massive reduction in industrial production, facilities, and jobs – has fundamentally changed Western societies. This history has tended to be narrated in terms of decline and loss, usually within a local or national locus. Recently, scholars have challenged the isolated directionality of these narratives by bringing global and cross-industrial perspectives to the fore. Deindustrialization instigated an uneven set of experiences in different spaces, and forms of rupture and continuity. Those experiences have been reflected in various forms of pop culture. As examples from Germany and Great Britain demonstrate, Western deindustrialization unfolded in the midst of global, and particularly Asian, industrialization, reinforcing each other, as the example of South Korea illustrates.
Histoire de la pop. Quand la jeunesse dépasse les frontières (présentations du livre, Paris, 27.6. et 2.7.24)
Dans les années 1950 et 1960, la culture jeune connaît un véritable bouleversement qui ébranle et scandalise la société. De nouveaux codes et pratiques de musique ou de mode ainsi que de nouveaux comportements voient le jour, déclenchant des débats houleux sur la prétendue délinquance juvénile. La culture pop naissante est interprétée comme une dégradation des mœurs et de la morale, et il convient donc de discipliner cette jeunesse « déviante » par la censure, les interdictions et les sanctions. Parallèlement, des modes de dévalorisation racistes, genrés ou reposant sur des préjugés sociaux imprègnent profondément l’opposition à ce changement culturel.
Kälte-Pop 1978-1983 (Neuerscheinung & Buchpremiere: Berlin, 26.3.24)
Gegen Ende der 1970er Jahre entstand ein ästhetisch-subjektkulturelles Konzept in der deutschsprachigen Pop-Musik, das alles ‚Kalte‘ affirmierte: ‚Kälte-Pop‘. Bands wie Kraftwerk, DAF und Einstürzende Neubauten entwickelten als Gegenentwurf zum pop- wie gegenkulturell hegemonialen Wärme-Kult ein System von Motiven und Strategien, das all jene Zeichen und Prozesse der (Post-)Moderne ästhetisierte und glorifizierte. Die bundesdeutsche Gesellschaft und vor allem das linksalternative Milieu wurden darin als negative Aspekte einer vermeintlich kalten Welt interpretiert: Gefühlslosigkeit und Dehumanisierung, Industrie und Großstadt, Künstlichkeit und Entfremdung, Disziplin und körperliche Funktionalität, Schnee und Eis, Beton und Stahl sowie Computer, Maschinen und Roboter. Dabei schlugen die ‚Kälte‘-Akteur:innen eine Brücke zu den Historischen Avantgarden der 1920er Jahre und inszenierten sich stereotypisch als ‚kalte Deutsche‘. Continue reading
Heavy Metal in the GDR: Exhibition in Berlin (19.03.2024 – 09.02.2025)

The Iron Curtain did not prevent the spread of heavy metal. In the second half of the 1980s, Stasi and youth sociologists considered metalheads to be the largest subcultural group among GDR youth.
The Museum in der Kulturbrauerei in Berlin’s Prenzlauer Berg is dedicating an exhibition to this often-overlooked youth culture between March 19, 2024 and February 9, 2025.



